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Leitsatz

Spacer Du musst nur entscheiden, was Du mit der Zeit anfangen willst, die Dir gegeben ist ...
Zitat aus Herr der Ringe

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Meine Momo

© Copyright 2006-2015 Kristin Diewitz

Kein warmes Fell, kein freudig erregtes Fiepen, kein feucht-kalter Nasenkuss. Meine Hand tastet ins Leere. Momo ist tot. Wozu aufstehen? Wozu die schmerzenden Füße in Schuhe quälen? Der Morgenspaziergang, seit Jahren fester Bestandteil und häufig einziger Lichtblick meiner Tage, macht keinen Sinn mehr. Jeden Tag sind wir mit Frau Metzeler und ihrem Riesenschnauzer Viktor in den Wald gezogen. Wer behauptet, Hunde können nicht jubeln, nicht lachen, der hat Momo nicht gekannt. Sie raste durchs Unterholz, ließ sich von Zweigen und Blättern streicheln, sprang ins Eiswasser des Bachs, nahm mit schnellem Zungenschlag ein paar Schlückchen und schüttelte, wieder am Ufer, in einem veitstanzartigen Vibrato Tausende Wasserperlen in die Luft, die an sonnigen Tagen in allen Regenbogenfarben schillerten. Nie vergaß sie, Viktor mit fröhlichem Bellen zum Mitmachen aufzufordern. Leider ermüdete der schnell. Frau Metzeler behauptete, er bliebe lieber in ihrer Nähe. Klar, hatte sie doch die Taschen voller Leckerli, auch bei Hundemännern geht die Liebe durch den Magen.

Ohne Momo ist der Wald ohne Duft, ohne Farben, ohne Musik. Ohne sie die gewohnten Wege zu gehen, wäre wie Verrat. Meine Momo! Retterin aus schwärzester Depression, damals, als Egon mich wegen seinem Azubi verlassen hat. Die kleine Hexe hat sich Egon einfach geschnappt. Ich bin aus allen Wolken gefallen. Egon hat geheult, beteuert, er liebe mich noch immer, leide unter seinem Verrat, aber könne eben nicht anders. Ich müsste ihn verstehen. Wie hat er sich das wohl vorgestellt? Alle meine Versuche, Haltung zu bewahren, scheiterten. Konnte mich nur noch fallen lassen. Bin morgens nicht mehr aufgestanden, habe nicht mehr aufs Telefon reagiert. Die Kinder sind dann ausgezogen. Fast war ich erleichtert, brauchte mir keine Gewissensbisse mehr zu machen, weil die Lieblinge, Studenten von 22 und 24 Jahren, nicht mehr von mir bedient werden mussten. Wenn ich mich gegen Mittag endlich aus dem Bett quälte, dudelte oft noch der Fernseher vom Vortag. Dann gab's erst einmal ein Trösterchen, Egon hatte, Gott sei Dank, seinen Weinbestand zurückgelassen. Am frühen Nachmittag war ich dann so voll, dass ich vor der Kiste einschlief. So ging das eine Weile, bis die Kinder eingegriffen haben. Wollten mich zu einer Therapie überreden. Völliger Schwachsinn. Was kann so ein Psychofritze daran ändern, dass mein Mann mich verlassen hat, dass mein Spiegelbild mir Grauen einflößt und dass als einzige Freude meiner Tage ein paar Stunden Seligkeit im Alkoholdunst bleiben. Meine Behauptung, ich würde mich ganz ausgezeichnet fühlen, konnte sie natürlich nicht überzeugen. Um ihnen zu beweisen, dass ihre Mutter noch nicht vollständig am Boden liegt, ihrem Haushalt durchaus noch gewachsen ist, habe ich sie zum Mittagessen eingeladen.
Am Sonntag erschienen sie wie verabredet. Sie wirkten aufgedreht, taten geheimnisvoll. Schließlich beichteten sie, sie haben ein Hündchen angeschafft, die WG-Bewohner seien aber nicht bereit, es aufzunehmen. Sie hätten es mitgebracht, doch am Nachmittag müsse es zurück ins Hundeasyl.
Nur wer noch nie so ein Hundewelpchen im Arm hatte, noch nie den Duft eines solchen Fellsäckchens gerochen und wer kein Herz im Leibe hat, wird jetzt nicht wissen, wie mir zumute war. Ich hatte das Gefühl, mich in eine riesige Mutterwolke zu verwandeln, empfand nur einen Wunsch - dieses unschuldige kleine Sanftauge vor allen Widrigkeiten des Lebens zu beschützen. Als ich sein Köpfchen an meine Wange drückte, fuhr mir die winzige feuchte Zunge wie ein zarter Windhauch übers Gesicht. In diesem Moment verwandelte sich mein vertrocknetes Herz wieder in eine kraftvoll schlagende Lebenspumpe.
Eine aufregende Zeit begann. Da ich keine Ahnung von Hunden hatte, besorgte ich mir jede Menge Hundeliteratur und meldete uns in einer Hundeschule an. Dort lernte ich Frau Metzeler kennen. Sie hatte sich gerade Viktor angeschafft - ein borstiges Kerlchen, man musste sich das Lachen verkneifen, wenn sie stolz beschrieb, was für ein Riesenkerl er eines Tages sein werde. Ein wenig verächtlich schaute sie auf mein Momochen, fragte scheinheilig, was das denn für eine Rasse sei. Meine Behauptung, es handele sich um einen sibirischen Nerzhund, belächelte sie nachsichtig, zu Recht, Momos Fell erinnerte eher an ein Wildschwein, aber ihr fröhliches Wesen machte sie zum Liebling der gesamten Hundeschule. Besonders stolz machte mich, dass sie nur gehorchte, wenn es ihr passte. Hatte sie etwas Besseres vor, konnte ich pfeifen, trampeln, rufen, drohen, sie tat, als sei ich Luft - sie hatte eben Charakter. Frau Metzeler sah das anders. Sie behauptete, ein Rassehund würde sich nie dermaßen verweigern. Ich habe dann geschwiegen, aber gedacht habe ich, dass Rassehunde überzüchtete Gesellen sind.
Momo und ich wurden unzertrennlich. In jedem Zimmer meiner Wohnung hatte sie ihren festen Platz - im Wohnzimmer - Egons Sessel, im Schlafzimmer - eine Decke neben meinem Bett, in der Küche - ihre Futternäpfe, auf dem Balkon - den Schaukelstuhl und sogar im Bad eine weiche Matte. Mit ihrem Einbruch in mein Eremitenleben wurde ich auch wieder geselliger. Bald kannte ich alle Hundebesitzer meiner Straße.
Frau Metzeler hat nicht so Unrecht, wenn sie vermutet, dass Momos Tod mich härter trifft, als Egons Verrat. Der Verlust eines untreuen Ehemannes ist kränkend, weckt Rachegefühle, aber eine teure Freundin zu verlieren, mit der man in Liebe und Zuneigung verbunden war, das ist ein ungleich größerer Schmerz.

Diesmal sind es nicht die Kinder, die sich Sorgen um mich machen, Frau Metzeler ist es, die dauernd anruft. Heute hat sie zu einem Damentreff geladen. Lustlos mache mich auf den Weg.

Obwohl es in Strömen regnet, gehe ich die 10 Minuten zu Fuß. Die frische Luft wird mir gut tun und meine Fahne weglüften. Seit Momos Tod greife ich wieder zum bewährten Elixier. Ich nehme die Abkürzung durch den kleinen Park. Die mit rotem Kies bestreuten Wege, die Ligusterbüsche, die vom Heimatverein gestiftete Bank - alles erinnert mich an Momo. Ohne Rücksicht auf meinen Mantel setze ich mich und schließe die Augen. Momo ist in meinem Herzen so gegenwärtig, dass ich sie leise jaulen höre. Nein, ich will jetzt nicht an sie denken. Schnell stehe ich auf. Träume ich? Vor mir steht ein kleines schwarz-weißes Ungeheuer, so eine Art Minikuh. Nur haben Kühe weder Ringelschwänzchen, noch Klappohren. Es ist patschnass, schmutzverschmiert, mit einer Schnur an einem Abfalleimer festgebunden. Ein Hündchen undefinierbarer Rasse, kurze Säbelbeinchen, der Kopf viel zu groß, hervorstehende Augen, eines davon mitten in einem schwarzen Klecks, der den halben Schädel überzieht. Momo war auch keine Rassehündin, aber sie hatte Eleganz, war von eigenwilliger Schönheit. Dieses gepunktete Würstchen hier ist die Karikatur eines Hundes. Vorsichtig gehe ich auf es zu. Es wedelt so aufgeregt, dass nicht nur das Ringelschwänzchen hin und her fliegt, sondern der ganze Körper in eine Pendelbewegung versetzt wird. Dabei schaut es mit solcher Demut zu mir auf, dass ich meinen eigenen Kummer vergesse, es losbinde und behutsam streichele.
Zitternd kriecht es näher, drückt sich leise fiepend an mich. Ich verdränge meine Rührung durch Empörung. Welcher Unmensch hat das hier zu verantworten? Resolut packe ich die Schnur und mache mich auf den Weg zu Frau Metzeler.
Die munteren Stimmen der versammelten Damen sind schon im Treppenhaus zu hören. Ich klingele und in einer Wolke aus Kaffeeduft und Kölnisch Wasser stürmt Viktor laut kläffend auf meine kleine Kuh zu, beschnüffelt sie mit gesträubtem Rückenfell. Schnell beruhigt er sich, es ist zwar nicht in Ordnung, dass ein fremder Hund in sein Reich eindringt, aber bei einer Dame siegt der Kavalier in ihm. Nicht ganz so großmütig reagiert Frau Metzeler. Sie trompetet ein lautes: Nein! Nicht auf meine Teppiche! Ich will schon beleidigt abziehen, als die nette Frau Münger mit einem Lappen kommt und meine Begleiterin behutsam reinigt. Sie stellt auch einen Napf mit Wasser in den Flur und legt ein paar Hundekuchen dazu. Im Nu ist alles verschlungen. Wir dürfen am Kaffeetisch Platz nehmen. Ich habe mich noch nicht zwischen Schwarzwälder Kirsch und Linzer Torte entschieden, als sich ein Kopf vorsichtig auf meinen Fuß schiebt. Ich halte die Luft an. Das war Momos Stammplatz! Die liebevolle Wärme ihrer Nähe hat mich über viele Jahre vergessen lassen, dass ich eine einsame Frau bin. Ich schulde ihr Dank, Treue. Die kleine Kuh muss ins Tierheim! Das habe ich wohl laut gesagt, denn alle Damen nicken, außer Frau Münger, die etwas von einem armen Tier murmelt. Frau Metzeler verkündet, für mich käme sowieso nur ein Hund mit definiertem Charakter aus zuverlässiger Zucht in Frage, nicht so ein Mischmasch. Die mit ihrem Rassefimmel!
Aber ich will jetzt nicht nachdenken. Die Torten sind, wie immer bei Frau Metzeler, ein Gedicht und der leichte Druck des Hundekopfes wärmt meine Füße und mein Herz. Morgen werde ich mich entscheiden.
Es ist bereits dunkel, als wir zu Hause ankommen. Meine Begleiterin ist mir auf dem Heimweg keinen Schritt von der Seite gewichen. Kein Herumschnüffeln, kein Zerren an der Leine. Die ganze Zeit hat sie erwartungsvoll zu mir aufgeschaut. Leider habe ich kein Hundefutter, ich mache Leberwurstbrote, die wir redlich teilen. Vorsichtig nimmt die Kleine mir die Häppchen aus der Hand, obwohl sie doch vollkommen ausgehungert ist. Ich überlege, wo sie schlafen könnte, entscheide mich für Momos Decke, die ich vor die Schlafzimmertür lege. Nach einigen Runden rollt sie sich brav zusammen, lässt mich dabei keinen Moment aus den Augen.

Mitten in der Nacht wache ich auf. Wie immer strecke ich meine Hand automatisch nach Momo aus. Es ist warm, es fiept und eine feuchte Zunge fährt zart über meine Finger. Aber ich bin schon zu wach, um noch an ein Wunder zu glauben. Resigniert mache ich Licht. Neben meinem Bett liegt die kleine Kuh, ihr Schwänzchen klopft ganz sacht auf den Bettvorleger, ihr Blick treibt mir Tränen in die Augen. Schnell hole ich die Decke aus dem Flur, lege sie neben mein Bett.
Schlaf schön, meine Kleine, morgen finden wir dir einen hübschen Namen!


Zitat

Zitat 215(228):
Der große Mann eilt seiner Zeit voraus, der kluge kommt ihr nach auf allen Wegen. Der Schlaukopf beutet sie gehörig aus, der Dummkopf aber stellt sich ihr entgegen.
Eduard von Bauernfeld


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